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Zweiräder der Zukunft 


Fürst Albert von Monaco hat ein solches Bike, viele andere Promis und Sportbegeisterte auch. Aus einem kleinen Dorf in Niedersachsen gehen sie in alle Kontinente. Unter Kennern gelten Nicolai-Räder als die edelsten Stahlrösser weltweit. Text: Karen Roske 


Im Stall, der einst Kühe, Ochsen und Schweine beherbergte, stehen heute hochmoderne Fräsmaschinen. In der ehemaligen Scheune werden aus Aluminium Fahrradrahmen nach individuellem Maß geschweißt. Ein Bauernhof aus dem 15. Jahrhundert ist Firmensitz der „Gesellschaft für Zweirad und Maschinenbau mbH", einer kleinen, sehr feinen Hightech-Zweiradschmiede.

Hier in Lübbrechtsen, zwischen Hameln und Hildesheim, entstehen Mountainbikes und Trekkingräder, die weltweit ihresgleichen suchen und in alle Kontinente verkauft werden. Im früheren Getreideboden hat der Chef, Karlheinz Nicolai, genannt „Kalle", sein Konstruktionsbüro eingerichtet. Der 41-jährige Maschinenbau-Ingenieur arbeitet nicht nur auf dem denkmalgeschützten Hof im 180-Einwohner-Dörfchen, sondern er wohnt auch dort, mit vier Generationen unter einem Dach.

1997 hat er das 5 000 m² große Gelände gekauft. Seitdem wird es im Inneren nach und nach modernisiert, von außen aber möglichst originalgetreu erhalten und liebevoll restauriert.

Zwei Jahre zuvor, 1995, hatte Nicolai seine Firma gegründet. In der Doppelgarage seines Elternhauses in Mehle bei Elze führte er Auftragsarbeiten für US-amerikanische Mountainbike-Hersteller aus. Hatte er doch schon während seines Maschinenbau-Studiums ein Jahr in Kalifornien gearbeitet und dort gute Kontakte geknüpft. Schlagartig wurde sein Name in der Mountainbike-Szene bekannt als 1995 ein von ihm entwickeltes und gebautes Bike, unter dem englischen Markennamen „Mongoose", einen Weltmeister-Titel und zwei US-Meisterschaften holte.

Bis heute sind rund ein Viertel seiner Kunden Sportler, die mit ihren Bikes auch bei Wettkämpfen antreten. „Der Sport ist unser Aushängeschild", erläutert Kalle Nicolai. „So können wir unser Know-how darstellen und erweitern." Deshalb ist die Nicolai GmbH im Rennsport höchst aktiv: Das europäische Team „Gates-Nicolai" mit vier Fahrern aus der Schweiz, Frankreich und Deutschland sammelt Bundesliga-Siege in schöner Folge, stellte vor drei Jahren auch den Downhill-Europa- und den BMX-Weltmeister.


In Kooperation mit der Continental AG schickt Nicolai 14 Nachwuchsfahrer für das hannoversche Conti-Nicolai-Team in Profi-Rennen. „Nur die besten Fahrer der Welt sind in der Lage, unsere Produkte an ihre Grenzen zu bringen und uns Rückmeldungen für die weitere Entwicklung zu geben. Das nützt dann aber auch jedem Mountainbike-Fan, der am Wochenende im Wald oder im Bike-Park nur zum Vergnügen fährt", sagt Nicolai.

Jedes Zweirad, das seinen Namen trägt, entsteht zu 100 Prozent in eigener Fertigung. Alle Einzelteile vom Rahmen bis zum Kabelhalter werden im eigenen Haus hergestellt. „Das glauben ja viele nicht, bevor sie es selbst gesehen haben", sagt Nicolai und freut sich, Skeptiker immer wieder überraschen zu können. „Wir feiern in diesem Jahr unser 15-jähriges Jubiläum, haben unser Portfolio ständig erweitert und setzen uns immer wieder neue Ziele. Ich kann behaupten: Wir bauen die edelsten Trekking- und Sportbikes am Markt!"

Von Lübbrechtsen aus wird die ganze Welt beliefert: Etwa ein Drittel der Nicolai-Zweiräder geht nach Südostasien, wo Korea, Singapur, Taiwan, Japan und China die wichtigsten Abnehmer sind. Ein weiteres Drittel wird ins europäische Ausland exportiert, und das letzte Drittel bleibt in Deutschland. Bundesweit fungieren 17 Fahrradhändler als Nicolai-Testcenter und haben verschiedene Modelle am Lager. Beliefert wird aber auch jeder andere, dessen Kunden danach fragen.

In Hannover arbeitet Nicolai zum Beispiel mit dem Lindener Radgeber oder ATB Sport am Aegi zusammen. Zwischen 3.500 und 7.000 Euro kostet so ein zweirädriges Schmuckstück. Dabei legt der Konstrukteur größten Wert auf ein gutes Preis-Leistungsverhältnis, denn die optimale Fahrtüchtigkeit ist ihm allemal wichtiger als das teure Statussymbol: „Wir bauen nur, was auch noch vernünftig ist und kleben keine Diamanten ans Rohr!"

Tatsächlich hatte er eine Anfrage von einem Goldschmied aus Moskau, der für seinen Kunden ein Nicolai-Bike vergolden wollte. Der bodenständige Niedersachse ist aufrichtig froh, dass daraus nichts geworden ist. Dass er reihenweise prominente Kunden hat, hängt er auch nicht gerade an die große Glocke. Jaja, Fürst Albert von Monaco sei darunter. Und auf der jüngsten Präsentation in Berlin sei Nikolai Kinski interessiert gewesen. Mehr Namen lässt er sich nicht entlocken: „Wir sind alle nur Menschen. Ein Rentner aus der Nachbarschaft, der zwei Jahre lang auf sein neues Rad gespart hat, bekommt bei uns die gleiche Aufmerksamkeit wie ein Fürst oder andere Promis!"

Neben den Mountainbikes mit den leichtesten dauerhaltbarsten Alu-Rahmen der Welt machen die Sport- und Trekkingräder rund 20 Prozent des Geschäfts aus. Sie punkten besonders mit dem Riemenantrieb, einer Erfindung von Karlheinz Nicolai. Als Spezialist für Fahrrad-Antriebstechnik hat er diverse Patente angemeldet. Ganz neu im Angebot: Elektro-Bikes. In Kooperation mit der Firma Grace baut Nicolai das E-Bike „Grace". Es hat 1300 Watt Antrieb, fährt mit deutscher Zulassung 45 km/h, kostet rund 6.000 Euro und sieht nicht nach Handicap-Hilfsgerät aus.

„Radfahrer können damit ihren Radius erheblich erweitern. Sie können zum Beispiel täglich 20 Kilometer zur Arbeit fahren, ohne verschwitzt anzukommen. Genauso gut kann man sich damit aber auch sportlich verausgaben", erzählt Nicolai und gibt zu, dass er als Sportler zunächst die Nase gerümpft habe. Inzwischen sieht er es als seine Aufgabe, dem E-Bike das lahme Image zu nehmen: „Wir glauben, dass dann wirklich viele Menschen aufs Fahrrad umsteigen werden."

Dabei geht es ihm gar nicht darum, neue Kundenschichten aufzutun. Denn bei 2000 Rahmen pro Jahr stößt die Kapazität seiner Manufaktur an ihre Grenzen: „Wenn wir mehr verkaufen, verlängert sich nur die Lieferzeit." Von den 20 Mitarbeitern in Lübbrechtsen arbeiten 16 in der Produktion. Hoch qualifizierte Schweißer sind hier immer gefragt. Und erst nach zwei Jahren Spezialausbildung bei Nicolai gelingt es, die Schweißnähte an den Alurahmen so sauber hinzukriegen, dass der Chef mit der Qualität zufrieden ist.

Nachhaltigkeit ist für Nicolai kein Modewort. So ist er aus dem Rennen um die leichtesten Rahmen ausgestiegen, als seine Konkurrenten auf Kohlefaser setzten. „Kohlefaser ist ein Energiefresser in der Herstellung und nicht recyclebar, das lehnen wir ab. Wir verwenden nur beste Flugzeug-Aluminium-Sorten – die sind wieder legierbar."

In seinem Anspruch an ein nachhaltiges Produkt aus heimischer Fertigung und in seiner Liebe zum Detail weiß er sich mit den Käufern seiner Räder einig: „Wir haben immer mehr Kunden, die ihre Werte auch in der Freizeit umsetzen wollen. Genauso wie man sich heute wieder einen Esstisch beim Tischler nebenan bauen lässt, will man auch kein Fabrik-Fahrrad per Luftfracht aus China bestellen."

Und wenn Kalle Nicolai am Wochenende Zeit hat, macht er es wie seine Kunden: Er fährt mit einem Nicolai-Fahrrad über den Höhenzug Külf gleich hinterm Dorf. „Aber nur zum Spaß", wie er betont. „Ich muss mich nicht mit anderen messen. Mich interessiert nur die eigene Performance. Das gilt genauso für meinen Anspruch an unsere Produkte: Ich will mit jedem einzelnen zufrieden sein."

Weitere Infos: www.nicolai.net


 
Zurück Quelle: Nobilis - März 03/10
 

 
 
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