Rund ein Jahr ist es nun her, dass Hannovers ECE-Center, die Ernst-August-Galerie, eröffnet wurde. Seitdem herrscht hier reger Betrieb. Kein Wunder, denn es gibt viel zu sehen und zu erleben: Ein breites Angebot, viele Parkplätze, das gastronomische Angebot ist attraktiv, und das Klima stimmt ebenfalls – warm im Winter und kühl im Sommer.
Mittlerweile haben sich auch die Geschäfte im Dunstkreis des Centers von ihrem ersten Schrecken über den neuen Wettbewerber erholt. „Die Ernst-August-Galerie hat sich in den übrigen Einzelhandel integriert", sagt Bernd Voorhamme, Vorsitzender der City-Gemeinschaft Hannover e. V. „ECE ist sogar Mitglied der City-Gemeinschaft geworden, was in anderen Städten durchaus nicht üblich ist, und daher sind wir zwar in gewisser Weise Konkurrenten, aber Konkurrenten, die miteinander sprechen."
Alexander Crüsemann heißt der Mann, der sich in die hiesige Geschäftswelt so gut eingefunden hat und von ihr auch freundlich aufgenommen wurde. Der Center-Manager ist dafür verantwortlich, dass es in der Ernst-August-Galerie ordentlich brummt. Jung ist er, deutlich jünger wirkend als seine 34 Jahre, dynamisch und ganz offensichtlich erfolgreich. Sein Job macht ihm großen Spaß, sagt er, und er sei genau dort, wo er immer hin wollte.
Seinen Chefsessel bezeichnen manche hinter vorgehaltener Hand allerdings als „Schleudersitz". Das ECE Hannover wurde nämlich nicht von ihm, sondern von einem seiner Kollegen aufgebaut. Crüsemann kam erst später dazu. „Das war ein ganz normaler geschäftlicher Vorgang. Mein Kollege wurde plötzlich an einem anderen Standort dringend gebraucht und hat mich noch in der Bauphase eingearbeitet. So haben wir eine Zeitlang gleichberechtigt Hand in Hand gearbeitet, und nach der Eröffnung konnte er guten Gewissens in die neue Aufgabe starten. Das fiel uns leicht, denn wir hatten vorher schon in benachbarten Städten gearbeitet, er in Hamm und ich in Bochum, und wir kennen uns auch privat sehr gut."
ECE steht für „Einkaufs-Center Entwicklung", ein Immobilien-Unternehmen, das 1965 von Werner Otto, dem Besitzer des Otto-Versands, gegründet wurde. Er wollte damit die Idee der großen amerikanischen „Shopping-Malls" nach Deutschland bringen. Das international tätige Unternehmen „ECE-Projektmanagement" ist im Bereich „Management von Einkaufs-Centern" Marktführer in Europa und widmet sich darüber hinaus auch Verkehrsimmobilien (Bahnhöfe etc.), Logistikzentren, Firmenzentralen, Bürokomplexen, sowie Industrie- und anderen Spezial-Immobilien.
Seit 2000 wird ECE von Alexander Otto, dem jüngsten Sohn des Gründers geleitet. Die Firmenzentrale befindet sich in Hamburg, und derzeit ist ECE in 13 Ländern aktiv. Die Internetseite nennt aktuell 114 Einkaufsgalerien, sowie 21 in Bau und Planung. Die Zahlen könnten sich jedoch, so heißt es, täglich ändern – nach oben, versteht sich.
Alexander Crüsemann, der in Hamm aufgewachsen ist, wäre auch gern Pilot geworden, erzählt er. „Aber dann habe ich mich für das Center-Management entschieden und es auch nie bereut." Nach dem Abitur wählte er, als Alternative zu Bundeswehr und Zivildienst, das Eurocorps, eine von mehreren Ländern gestellte Einheit, die sich als „Streitmacht für die Europäische Union und die Atlantische Allianz versteht".
Beim Stab in Straßburg arbeitete Crüsemann für einen französischen General und einen spanischen Oberst und konnte dort nicht nur sein Sprach-, sondern auch sein Organisationstalent unter Beweis stellen. „Ein internationales Arbeiten. Das war schon klasse!" Dass sein Französisch schon vorher perfekt war, verdankt er seiner Mutter, einer Französin aus Montpellier. Es folgte ein berufsbegleitendes Studium an einer Wirtschaftsfachschule, und nach dem Abschluss ging er, nach einem kleinen Abstecher bei einem großen Lebensmitteldiscounter, im Jahr 2001 als Center-Manager-Trainee zu ECE.
Hier durchläuft der Nachwuchs in zwei bis drei Jahren mehrere Stationen bundes- oder sogar europaweit. Nach zwanzig Monaten hatte Alexander Crüsemann München, Hamburg, Dresden und Frankfurt kennengelernt. In der Nürnberger Fußgängerzone durfte er dann sein erstes Center, ein kleineres Haus mit vierzig Geschäften, eigenverantwortlich leiten. Zwei Jahre später, ab 2005, ging es nach Bochum und von dort im Frühjahr 2008 nach Hannover, um die Ernst-August-Galerie zu eröffnen.
Ist das nicht ein stressiges Wanderleben, ohne Bindungen, ohne die Chance, einmal anzukommen? Alexander Crüsemann schüttelt den Kopf: „Für mich persönlich war es immer ein Anspruch, mit den Aufgaben zu wachsen. Bei ECE fängt man mit einem kleineren Center an, und arbeitet dann stufenweise daran, irgendwann einen Neubau, ein großes Haus zu leiten, wie die Ernst-August-Galerie. Daher muss man die innere Bereitschaft zum Loslassen und zum Standortwechsel unbedingt mitbringen. Ich habe es mir trotz der vielen Wechsel immer so gemütlich gemacht, dass ich mich überall heimisch fühlen konnte."
In Hannover hat sich Alexander Crüsemann eine schöne moderne Wohnung in der Südstadt eingerichtet, nah an Maschsee und Innenstadt. „Ich mag es, wenn es quirlig und lebendig ist, mit guten Bars und Restaurants in der Nähe, wo man abends noch einmal hingehen kann." Seine Freizeit ist jedoch knapp und der Arbeitstag lang. „Vor halb neun oder neun komme ich hier nicht raus." Zur Entspannung treibt er dann Sport, entweder im Fitness-Studio oder auf dem Tennis- oder Golfplatz. Am Wochenende besucht Alexander Crüsemann seine Freundin, die in London studiert, oder die Familie und Freunde in Hamm.
Die Halbwertzeit für ECE-Center-Manager scheint nicht sehr lang zu sein. Wie lange wird er denn wohl in Hannover bleiben? „Das bestimmt das Unternehmen. Ich habe seinerzeit unterschrieben, dass ich als Center-Manager immer mobil bin. Da ich noch jung, flexibel und ungebunden bin, ist das auch kein Problem. Es war immer mein Wunsch, ein großes ECE-Shopping-Center neu eröffnen zu dürfen. Dieses Ziel habe ich nun erreicht. Jetzt ist mein Anspruch, das Haus so in den Markt zu bringen, dass es läuft und dass man irgendwann zufrieden sagen kann: Das war gute Arbeit."
Dann, aber erst dann, wenn einem die Ideen und Anregungen ausgehen, sei es Zeit etwas Neues zu machen, sagt er. „Aber das ist noch nicht der Fall. Die Eröffnung vor einem Jahr ist gut gelaufen, und jetzt geht es weiter. In meinem Kopf schwirren viele Ideen herum, was wir mit unserem Center und unseren Mietern noch erreichen können. Da ist noch lange nicht Schluss, und meine Arbeit macht mir sehr viel Freude." Und auch die Erfolgsbilanz sieht bisher gut aus.
Während andernorts in Hannovers City durchaus Leerstände zu verzeichnen sind, ist Crüsemann mit seiner Galerie zufrieden. „Wir schauen schon vorher genau hin, welche Mieter vom Branchenmix her zu uns passen und konzeptionell das Zeug haben, langfristig erfolgreich zu sein. Das soll aber nicht heißen, dass wir nicht auch einmal Fehler machen, oder dass sich vielleicht plötzlich der Markt verändert. Das ist aber völlig normal. In den ersten zwölf Monaten hatten wir vier Mieterwechsel. Das lag jedoch an den Insolvenzen der Hauptgeschäfte. Da kann man nichts machen, und das ist auch nicht das Problem der Ernst-August-Galerie."
Einkaufen muss heute Event-Charackter haben und in einer möglichst attraktiven Umgebung stattfinden. Damit die Anziehungskraft seines Centers nicht nachlässt, macht sich Alexander Crüsemann, der das Marketing selbst erarbeitet, jede Menge Gedanken. Der Eventkalender für 2010 ist jedenfalls schon gut gefüllt. Modenschauen und Partys wird es genauso geben wie Musik, Tanz, Theater und sogar Zirkus. Am 10. April heißt es „Hannover tanzt". „Da hatten wir im letzten Jahr knapp 7 000 Besucher und haben bis morgens um fünf gefeiert."
Im September wird Theater gespielt, und es beginnt die Ausstellung „Das Jahrhundert der Roboter". Anfang Oktober feiert man die Präsentation der Herbstmode mit einer Exklusiv-Night", bevor dann Ende November die Weihnachtszeit startet. Ein besonderes Schmankerl bietet der Monat Juni: Anlässlich des Hannover-Gastspiels des Zirkus Roncalli ziehen die Artisten in die entsprechend dekorierte Ernst-August-Galerie und zeigen hier zehn Tage lang in einer speziell eingebauten Zirkus-Arena ihre Kunststücke. Auf diese Attraktion freut sich Alexander Crüsemann ganz besonders, und man merkt, dass ihm die Rolle des Zirkusdirektors in seinem Job vielleicht gar nicht so fern ist.