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Bekenntnis zur Klassik 


Er ist erst 28 und hat die Pianisten-Szene schon kräftig aufgemischt – und das ganz ohne Crossover-Gebahren: Der Franzose David Fray besticht vielmehr mit einem klaren Bekenntnis zur Klassik und mit durchgeistigtem Spiel. Am 13. März tritt er solo im Theater am Aegi auf. Vorab sprach er mit nobilis. Text: Jörg Worat 


Höhepunkt" – irgendwann sagt David Fray dieses Wort. Es wird die einzige deutsche Vokabel im Gespräch bleiben, das der Pianist ansonsten doch lieber auf englisch führen will. Wofür er sich, was ja gar nicht nötig wäre, gleich mehrfach entschuldigt. Vielleicht vermutet Fray, dass man vom Sohn einer Deutschlehrerin und eines Kant- und Hegel-Dozenten die perfekte Beherrschung der deutschen Sprache erwartet. Auf jeden Fall hat der Musiker ein klares Bekenntnis zur hiesigen Kultur und Mentalität in petto: „Es gibt in Deutschland diese spezielle Balance zwischen Rationalität und Gefühl, die mir sehr entspricht." Eher ernsthafte Worte, die das Gespräch auch sonst über weite Strecken prägen.

David Fray ist kein Dampfplauderer, der auf die schnelle Pointe setzt. Er möchte genau sein, sei es in der Sprache oder in der Musik. Wer etwa seine Schubert-CD hört, spürt, dass diese Interpretation das Ergebnis sorgsamen Durchdringens ist: Da mag manches gewöhnungsbedürftig sein, gerade in der Zurückhaltung vieler Passagen, zufällig ist nichts.

Den ungestümen Tastenzauberer mag Fray ohnehin nicht geben, und Gefühl geht ihm allemal über Virtuosität: „Ich hoffe, ich bin technisch nicht gänzlich minderbemittelt. Aber meines Erachtens wird oft zu viel Wert auf die reine Technik gelegt." Was sicherlich eine Sache der Mode ist, aber auch eine der Mentalität: „Uns Pianisten steht allen dasselbe Werkzeug zur Verfügung, aber jeder setzt andere Prioritäten." Und wo setzt sie David Fray? „Phrasierung, Übergänge", sagt der Musiker und einmal mehr wird deutlich, dass er die Beantwortung solcher Fragen nicht als reine Routine betrachtet. „Spannung", setzt er nach einigem Sinnen hinzu. „Und Überzeugung. Innere Notwendigkeit des Spiels."

Es ist kaum erstaunlich, dass Frays Favoriten etwa Wilhelm Kempff oder Edwin Fischer heißen. Aber auch Vladimir Horowitz schätzt der Pianist: „Bei ihm konnten die Stimmen nicht nur eigenständig klingen, sondern es wirkte manchmal sogar, als kämen sie aus verschiedenen Räumen." Übrigens gehört es in den Bereich der Legende, dass Fray eine tiefe Abneigung gegen Glenn Gould hege – er stört ihn nur, dass er immer mit ihm verglichen wird: „Weil es aus den falschen Gründen geschieht. Es geht um Äußerlichkeiten, um unsere Vorliebe für Klavierstühle mit Rückenlehnen oder für Bach. Aber unser Ansatz ist verschieden, wobei ich Goulds Spiel auf seine Art für sehr intensiv halte."

Mit Bach und vor allem mit Schubert will Fray sein hannoversches Solo-Recital bestreiten. Wenn der Pianist versucht, seine Vorliebe gerade für diese beiden Komponisten zu erläutern, kann er sehr ausführlich werden. „Jede einzelne Note hat ihren Sinn" oder „Alles ist richtig" heißt es etwa über Bach, während Fray bei Schubert unter anderem das zutiefst Menschliche und die Entwicklung unterschiedlicher Stimmungen in kürzester Zeit hervorhebt: „Das nachzuvollziehen, ist wirklich eine sehr große Herausforderung."

Der Pianist bekennt sich auch zu konkreten Abneigungen. Mit Chopin hat er beispielsweise so seine Probleme und mit Rachmaninoff: „Immer wenn mir Klaviermusik zu sehr auf das Instrument bezogen erscheint. Weil ich eher gesanglich oder orchestral empfinde." Kein Wunder daher, dass der Musiker das Dirigieren für eine großartige Sache hält – die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen hat er bei gemeinsamen Einspielungen tatsächlich vom Klavier aus angeleitet. Die Tasten gänzlich gegen den Taktstock zu tauschen, kann Fray sich zwar nicht vorstellen, noch nicht zumindest, doch lässt er die Finger gern ruhen, um tiefer in die Musik einzudringen: „Man zieht sonst immer so viel Konzentration auf die technischen Vorgänge ab. Ich habe oft die wichtigsten Ideen zu Stücken, wenn ich spazieren gehe oder mich hinlege."

Wer übrigens das hannoversche oder überhaupt ein Konzert dieses Pianisten besucht, sollte zuvor genug Pfefferminz einstecken, das Handy unbedingt ausschalten und Frays eventuelle Neigung zum Mitsingen einzelner Passagen nicht als Aufforderung zu eigener Betätigung missverstehen: Was Lärm-entfaltung in den Besucherreihen angeht, ist der Musiker bekanntermaßen äußerst dünnhäutig. „Es ist wichtig, dass eine Verbindung zwischen dem Publikum und dem Interpreten entsteht", meint Fray. „Wenn ich versuche, auf der Bühne etwas zu entwickeln, kann ein Husten das ganz schnell zerstören. Es ist merkwürdig, aber man spürt tatsächlich beim Spielen, ob das Publikum mitfühlt oder nicht."

Was wiederum durchaus plausibel klingt. Eigenwillig ist dieser junge Mann sicherlich, über seine angebliche Exzentrik, die immer mal wieder beschworen wird, kann man dagegen geteilter Meinung sein. Hält Fray sich selbst für exzentrisch? „Kein bisschen. Ich finde es exzentrisch, mich exzentrisch zu nennen." Was mitnichten bedeutet, dass der Musiker bei sich keine Charakterschwächen sieht: „Ich kann manchmal ziemlich kindisch sein. Zum Leidwesen meiner Frau."

Die heißt Chiara, ist die Tochter des berühmten Dirigenten Riccardo Muti und von Beruf Schauspielerin. Ein ganz anderes künstlerisches Segment also – lernt man da voneinander? „Auf jeden Fall. Chiara hat mir zum Beispiel Shakespeare nähergebracht, mit dem ich mich zur Zeit sehr viel beschäftige. Oder mir gezeigt, welche Bedeutung Verdi für die Oper hatte. Ich hoffe natürlich, sie kann auch etwas von mir lernen ..."

Da wir nun schon im privaten Bereich angelangt sind, liegt die Frage nahe, welche Musik David Fray denn in Mußestunden bevorzugt. „Ich würde gerne sagen, dass ich Pop höre, aber das stimmt nicht", antwortet der Pianist, der von der äußeren Erscheinung her durchaus bestens als Modell für einen Starschnitt taugen würde. „Sicherlich gibt es da auch gute Sachen, aber mit dem meisten kann ich nichts anfangen. Vorhin im Taxi wurde Popmusik gespielt, und ich fand es einfach nur schrecklich. Ich war richtig erleichtert, als anschließend im Büro die 3. Sinfonie von Brahms lief. Die Klassik ist eben meine Welt. Und in dieser Welt gibt es so viel zu entdecken, das reicht mir völlig aus." Klingt so, als hätten wir noch manchen Höhepunkt zu erwarten.


 
Zurück Quelle: Nobilis - März 03/10
 

 
 
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