"Mit Mitteln der Theatralik stellen wir dar, wie man eine Beziehung anbahnt. Dabei gilt: Charme gewinnt", sagt Wolfgang Werner, Inhaber der Werkstatt-Galerie Calenberg, die von Insidern kurz und liebevoll "WGC" genannt wird. Noch heute hängen in der ehemaligen Steindruckerei einige Flaschenzüge von der Decke, und auch die WGC gewinnt auf diese Weise einen besonderen Charme. "Wir sind nicht perfekt. Aber auch wenn mal was schiefgeht, nehmen uns das die Gäste nicht übel. 80 Prozent der Zuschauer kommen auf Empfehlung, und sie schätzen bei uns die persönliche Ansprache und die originelle Atmosphäre", erklärt der Chef.
Zum ersten Single-Theater im Januar haben sich rund 50 Zuschauer eingefunden, Alter zwischen 25 und Mitte 50. Nach ein wenig Skepsis und Zurückhaltung zu Anfang, haben sich die Singles prima amüsiert. Anke Hahn ist für dieses Theater der besonderen Art eigens aus Braunschweig angereist. Die 45-Jährige nimmt die Sache gelassen: "Ich bin hierher gekommen, um gutes Theater zu sehen und auf gesprächsbereite Menschen zu treffen – ganz gleich ob Männer oder Frauen." Für Bernd Iwohn (52) aus Pattensen ist klar, dass er beim nächsten Single-Theater auch wieder dabei sein wird: "Hier sind viele Frauen, die einen Partner suchen." Besonders gut gefällt ihm in der WGC, der private Rahmen: "Dadurch kommt man schnell ins Gespräch."
Und es gibt nicht nur Theater, Begrüßungs-Prosecco und Snacks für die Theater-Gäste, sondern es werden auch Kurzreisen verlost. Das trägt einerseits zur Auflockerung der Stimmung bei und macht andererseits den Abend auch richtig lohnend, sind sich die Besucher einig – natürlich besonders, wenn man gewinnt.
Und wie funktioniert ein solches Single-Theater? Die sechsköpfige Schauspielertruppe "theaterimfluss" improvisiert aus dem Stehgreif Geschichten, die einer von ihnen, Theatermacher Gerd-Michael Urbach, bei den Zuschauern erfragt. Seine Schauspielkollegen setzen sie spontan in Szene. Da geht es dann beispielsweise um die Angst davor, einen Korb zu bekommen, oder ums Herzklopfen vor dem ersten Rendezvous. "Was wir hier machen, ist nicht abgesprochen", betont Urbach.
Der Saxophonist spielt "Sunny – I want you" und Schauspieler Thomas Joschonek schlendert im Kreis auf der Bühne herum und murmelt, als er sich in Hörweite seiner attraktiven Schauspielkollegin befindet: "Ich würde mich ja gerne ansprechen lassen, ich würde mich ja gern ansprechen lassen ...." Gelächter im Publikum. Dann raunt Schauspielerin Martina Klehn ihrem Kollegen Volker Nau zu: "Du bist immer noch Single?" "Ja – und es wird immer besser", gibt der zurück. Spätestens jetzt ist das Eis gebrochen.
Die Zuschauer gehen mit, lachen, lassen sich einbeziehen und kommen auch miteinander ins Gespräch. Nach der Vorstellung trifft man sich in der WGC-Bar, einen Stock tiefer, bei Kanapees und zum Kennenlernen. Wolfgang Werner beteuert: "Wir wollen ein Theater bieten, das lustige Sachen macht. Es ist aber kein Heiratsinstitut!" Das nächste Single-Theater geht übrigens am 17. April in der WGC über die Bühne.
Mit Humor und Hintersinn macht der 69-Jährige schon seit 1981 Kleinkunst in der Werkstatt-Galerie Calenberg. Bereits im 25. Jahr gehen derzeit in seinem Theater die Calenberger Kabarettwochen über die Bühne, Sprungbrett für so manche Branchen-Größe: Rüdiger Hoffmann, Michael Mittermaier, Ingo Appelt und Volkers Pispers schnupperten in der WGC erste Bühnenluft.
Matthias Brodowy ist immer noch regelmäßig dabei, auch im Rahmen der diesjährigen Kabarettwochen. "Brodowy ist unser Baby. Seine Schultheatergruppe hatte sich getrennt, und er wusste nicht, was er machen sollte. Wir haben dann gemeinsam an seinen Auftritten gearbeitet und ihm geholfen. Kürzlich sagte er doch mitten in einer Vorstellung: ‚Meine Damen und Herren, da vorne sitzt Wolfgang Werner. Ohne den wäre ich heute Religionslehrer."
Ihren Namen hat die WGC übrigens, weil Wolfgang Werner sie in ihren Anfangszeiten tatsächlich als Werkstatt eröffnet hatte: Hier wurde getöpfert, Glas geblasen, gewebt und gestrickt und drei- oder viermal im Jahr Theater gespielt. Doch nach und nach wanderten die Hobby-Handwerker in die Freizeitheime und in die Toskana ab – und Wolfgang Werner baute den Zweig aus, der immer besser lief: Kabarett und Kleinkunst. 1993 wählte "Die Tribüne" die WGC als ihren Spielort. Das renommierte hannoversche Laien-Theater führt Kriminal-Komödien auf: "Zehn kleine Negerlein", "Arsen und Spitzenhäubchen" sowie aktuell "Someone to kill". Wochenlang wird geprobt und am Bühnenbild gefeilt, unter der Regie von Erika-Maria Lehmann, Ehefrau des langjährigen Opernhaus-Intendanten Hans-Peter Lehmann.
Angesagt ist auch das Calenberger Literaturfrühstück. Immer sonntags ab 10 Uhr serviert Peter Behnsen in der WGC Klassiker zu Croissants, Kaffee und Tee. Im März gehen Schiller, Guy de Maupassant, Irische Erzähler und Thomas Bernhard ins Ohr der geneigten Gäste. Zu Silvester ist in der WGC der "Kontrabass" von Patrick Süskind Kult, seit 16 Jahren sehenswert ge- und bespielt von Klaus Wilmanns. Und auch bei den aktuellen Kabarettwochen ist so manche Nachwuchs-Perle zu entdecken: von Suse & Fritzi über Kerim Pamuk bis zu Käthe Lachmann und Alexandra Gauger.
Mit seiner Firma "werner event" hat sich Wolfgang Werner seit 1985 mit Partys und Events in Hannover einen Namen gemacht. "Eine Werbeagentur hat damals unser Programm in der WGC gesehen und gefragt, ob wir auch bei ihnen einen Tag der offenen Tür mit Künstlern und so organisieren könnten. Natürlich konnten wir das", erinnert sich Werner an die Anfänge. Bis 1993 organisierte er mit Mike Gehrke das Altstadtfest, stemmte bis 1996 das Rendezvous im Zoo für die Neue Presse und stellte mit der Bildzeitung Hannover das Berggartenfest auf die Beine. Feste feiern mit und in der Werkstatt-Galerie – davon können viele ein Lied singen, darunter so unterschiedliche Veranstalter wie die Schenker Deutschland AG, die TUI und die Sparkasse Hannover, die CDU-Landtagfraktion, der Madsack-Verlag oder der hannoversche Presse Club.
Nicht uninteressant ist vielleicht auch, dass Wolfgang Werner zu einer der ältesten Drogistenfamilien Deutschlands gehört – nicht von ungefähr erlernte er ursprünglich auch den Drogistenberuf. "Begonnen habe ich als Pharmavertreter. Doch irgendwann hörte ich dann morgens im Radio, dass irgendwelche Antibabypillen krebserregend seien. Und ich habe mich gefragt, ob ich die auch verkauft habe – und dann den Job an den Nagel gehängt."
Cousin Götz Werner, der in den 70er Jahren im hannoverschen Reformhaus Schmelz lernte, ist dagegen im angestammten Familienberuf äußerst erfolgreich: als Inhaber der Drogeriemarktkette "dm". "Damals sind wir auf dem Steinhuder Meer zusammen gesegelt", erinnert sich Wolfgang Werner. Später verlor man sich aus den Augen. Doch dann forderte Götz Werner öffentlich das "Grundeinkommen für alle", und das machte Wolfgang wieder richtig neugierig auf ihn. Inzwischen gab es in der WGC auch schon einige Veranstaltungen mit dem berühmten Cousin, zum Beispiel als dieser im Oktober 2009 auf Einladung des hannoverschen Instituts für Markt, Umwelt und Gesellschaft (imug) über "Ethische Herausforderungen in der modernen Unternehmensführung" sprach. Aus diesen Vorträgen, so der WGC-Chef, solle eine ganze Serie werden. Stimmt, meint er, ein ganz schöner Spannungsbogen, vom Single-Theater über Kabarett und Krimi bis zur ethischen Unternehmensführung. "Hier ging es immer bunt zu. Das passt schon!"
Anmeldung und weitere Informationen unter: www.wgc-theater.de oder www.single-theater.de