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Konferenz mit Tieren 


Ob im tierärztlichen Warteraum, im Umgang mit autistischen Menschen oder im Klassenraum: Tiere fördern die Kommunikation. Das „Institut für soziales Lernen mit Tieren“ nutzt diesen Fakt. nobilis sprach mit Leiterin Ingrid Stephan über Vierbeiner, Vertrauen und Fürsorge. Text: Kai-Kirstin Thies  


Würdest du dich bitte hier hinlegen", fordert Ingrid Stephan mit leiser Stimme den seit Minuten übermütig herumtollenden Labrador auf. Der Hund freut sich über die Aufmerksamkeit, wedelt mit der Rute hier Unterlagen vom Tisch, dort Broschüren aus dem Regal – und folgt der liebevollen Aufforderung. Kein Befehlston, keine nervöse Geste. „Wir Menschen sind für Tiere zu laut, zu groß, zu hektisch", erklärt Stephan. „Und Fluchttiere wie z.B. Kaninchen fühlen sich von uns schnell bedroht." Gesenkte Stimme und ruhige Gesten seien viel effektiver, auch im Umgang mit Hunden.

Vor 16 Jahren gründete die Diplompädagogin und Tierlehrerin das „Institut für soziales Lernen mit Tieren" in der Wedemark. Das Angebot reicht von Kurzzeittherapien über Vorträge und Seminare bis zum Kinderzirkus-Kurs und der Vermittlung von Tieren für Theaterproduktionen. Die Idee für ein solches Institut kam der Hannoveranerin während ihrer Anstellung als Jugendheimleiterin in Lehrte. Dort kümmerten sich einige Kinder regelmäßig um die Tiere im örtlichen Tierheim. Ein immenser logistischer Aufwand. Was lag da näher, als umgekehrt die Tiere zu den Menschen zu bringen?

Mittlerweile begleiten 70 Haus- und Nutztiere – allesamt von der Diplompädagogin und Tierlehrerin Stephan selbst ausgebildet – und fünf Mitarbeiter sie bei ihrer tiergestützten Arbeit. Immer mehr Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten oder Altenheime buchen das tierische Team mit der mobilen Streichelwiese. Ob Huhn, Gans, Esel oder Hund, das Institut setzt auf den wissenschaftlich anerkannten heilsamen Einfluss der Tiere auf den Menschen.

„Sobald Tiere im Raum sind, entspannt sich die Atmosphäre, wird Kommunikation problemlos möglich." Das könne man beispielsweise beim Tierarzt beobachten, erläutert die 52-Jährige: „In keinem anderen Wartezimmer plaudern die Patienten so ausgiebig miteinander." Und was dort klappt, funktioniert auch in der therapeutischen und pädagogischen Arbeit.

Besonders bei Menschen mit Behinderungen habe sich der Umgang mit Vierbeinern als hilfreich erwiesen, sagt Stephan. „Personen, die normalerweise auf die Hilfe und Pflege anderer angewiesen sind, können diese Fürsorge endlich zurückgeben." Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten seien nicht selten „therapiemüde". Durch den Umgang mit Tieren würden sie „bei ihren Ressourcen abgeholt." So könnten Selbstbewusstsein, Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein gestärkt und gefördert werden.

Sichtlich berührt berichtet Ingrid Stephan von Kurzzeittherapien für autistische Kinder, die das Institut regelmäßig anbietet. Eine Woche lang kümmert sich dann ein Team von Therapeuten, Pädagogen und Tierlehrern um die gesamte Familie. Und sie erzählt von einer besonders stark belasteten Familie, in der auch das Geschwisterkind schon Auffälligkeiten zeigte, und die Ehe der Eltern auf der Kippe stand: Nachts musste das schreiende autistische Kind zur Beruhigung im Auto spazieren gefahren werden – auch, um die Nachbarn nicht zu nerven.

„Die Rundumfürsorge hier draußen in der Wedemark hat ihnen gut getan und ihnen neue Wege aufgezeigt." Die Familie wohnt mittlerweile auf dem Land und kommt mit der schwierigen Situation viel besser zurecht.

Geht es um erfolgreiche Behandlung von autistischen Kindern, ist man gedanklich rasch bei Delphin-Therapien in Florida. Was hält die erfahrene Pädagogin davon? „Die mediale Aufmerksamkeit für die Arbeit mit Delphinen hat auch die öffentliche Wahrnehmung für unsere pädagogische Arbeit hier vor Ort geschärft." Aber, so wendet sie ein: „Wir müssen nicht unbedingt zu den wilden Säugetieren ins Meer steigen, um von Tieren lernen zu können." Heimische Haus- und Nutztiere seien mindestens genauso gut geeignet. Bestehe doch die enge Bindung bereits seit Jahrhunderten. Deshalb sei der Umgang mit dem Menschen speziell für Nutztiere kein Stressfaktor. „So eine große, gemütlich liegende und wiederkäuende Kuh kann sehr kuschelig sein. Das sind charakterfeste Wesen."

Neben der Arbeit mit Mensch und Tier und dem Kinderzirkus – „ein besonders kostenintensiver Part" – entwickelte sich für Ingrid Stephan rasch ein drittes Standbein: die berufsbegleitende Weiterbildung. „Nicht nur die Tiere müssen trainiert werden. Auch die Menschen, die mit ihnen arbeiten, brauchen Anleitung." Mehr als 500 Pädagogen, Therapeuten, Altenpfleger, Sozialarbeiter und Erzieherinnen haben seit 2001 an ihren Kursen teilgenommen. Seit Februar 2008 ist das Institut als internationale Ausbildungsstätte anerkannt. „Wir arbeiten hier sehr professionell", sagt sie. Trotzdem seien die ersten Jahre alles andere als leicht gewesen: „Manchmal musste ich mir zehn Mark leihen, um überhaupt zum Klienten fahren zu können." Und so manche Tierarztrechnung beglich sie mit der Ausgestaltung von Kindergeburtstagen beim behandelnden Arzt. Aber es hat sich gelohnt, findet sie.

Die eigene Affinität zu Tieren hält Stephan für genetisch bedingt. Ihre Mutter ist in der Danziger Bucht auf einem großen Bauernhof aufgewachsen – zu einer Zeit, „als Sonntags noch die Kühe geputzt wurden". Zu den vielen selbsterklärten Tierschützern hat sie ein eher zwiespältiges Verhältnis: „Die verfügen mitunter über wenig Fachwissen, dafür aber über eine große Portion Emotionalität." So habe man ihr einmal, als sie einen ihrer Esel für eine Shakespeare-Aufführung in die Herrenhäuser Gärten brachte, vorwurfsvoll erklärt, dass es doch Tierquälerei sei, einen Esel zu so später Stunde noch arbeiten zu lassen.

Ingrid Stephan mag jedes einzelne Geschöpf, kennt jeden Wesenszug ganz genau und weiß, welches ihrer Tiere für welche Aufgaben geeignet ist. Es ist ein Wissen, das nicht an der Uni gelehrt wird. „Das ist Lebenserfahrung", sagt sie. Derzeit fasst sie dieses Wissen in Büchern zusammen und hält die Erfahrungen auf Video fest. Als Fachliteratur für Pädagogen, Altenpfleger, Lehrer und alle, die von Tieren lernen wollen – spielerisch und mit leisen Tönen.

Info
Vom 12. bis 17. Juli findet der Zirkuskurs für Kinder" (5 bis 14 Jahre) statt. Proben sind täglich von 10 bis 14 Uhr, die Aufführung ist am 17. Juli um 15 Uhr. Kosten des Zirkuskurses für Kinder: 140 Euro. Anmeldung und Infos unter Tel. (05073) 923282 oder
www.lernen-mit-tieren.de 


 
Zurück Quelle: Nobilis - Juli 7-8/2010
 

 
 
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