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Lebenswege von Migranten 

Pop-Art an der Leine 


Freche Rollerfahrer, grimmige Piraten, bunte Roboter … Die wilden Phantasie-Figuren auf Tim Davies Bildern scheinen ins Unendliche zu fliegen. „Kunst kennt keine Grenzen“, sagt der gebürtige Engländer, „die Ideen für meine Pop Art–Welten finde ich in Hannover genauso wie in London.“ Text: Bettina Zinter 


Ein Mädchen tanzt im Regen. Ein komisches Mädchen, dessen behüteter Kopf auf einem Regenschirm sitzt. Ein Mädchen in Blau. Ein bisschen Lila und Weiß bringen Tiefe in das Bild, das „Summer Rain" heißt. Tim Davies, sein Schöpfer, nennt es auch „Sprechender Regenschirm". Der Künstler mit der grauen Stoppelfrisur und den flinken Augen schmunzelt: „Die Idee hatte ich auf einer Gartenparty in Linden." Von Lindens Szenekneipen zum Maschsee, von der Eilenriede zur Wohnung in die Südstadt – Tim fährt ganz Hannover mit dem Fahrrad ab. „Hannover ist eine gute Luftfabrik", sagt er in seinem Deutsch, das britische Herkunft verrät.

1997 reiste der heute 50-jährige Künstler erstmals nach Hannover, vor allem um das niedersächsische Mädchen Sandra wiederzusehen, das ihm zuvor in London über den Weg gelaufen war. Er fing Feuer für das Mädchen und für die Stadt und das bei minus zehn Grad: „Unglaublich", erinnert er sich, „der Maschsee zugefroren und ich mittendrin im bunten Leben auf dem Eis!"

Doch 1997 zog Sandra erst einmal zu Tim nach London, in diese faszinierende Stadt und machte schnell Karriere als Managerin in der Gastronomiebranche. Tim, zehn Jahre älter, hatte längst in der freien Kunstszene Fuß gefasst. Das Allround-Talent arbeitete als Bühnenbildner, schuf Wandgemälde in Jugendzentren, in Firmen, in Bars und Restaurants, entwarf Einrichtungskonzepte und für den Musikvideosender MTV das Setdesign zum Start in Asien. Dafür gab es einen Preis in New York!

Comics, Plakate der Art-Deco-Zeit, Jazz-, Pop- und Rock-Musik waren ihm eine Inspirationsquelle, wie auch die Werke der POP-Art-Künstler der 60er. Auf seinen Bildern scheinen die Musiker mit ihren Instrumenten in Bewegung zu geraten. Die City Skyline am Horizont schwingt mit im Takt zu den Klängen imaginärer Melodien. Was Weltklassemusiker wie Robert Plant, Al Di Meola, Lalo Schifrin, Pink Floyd, Ladysmith Black Mambazo veranlasste, ihre CD-Umschläge von Tim gestalten zu lassen und oft auch seine Kunst zu sammeln.

Auf der Erfolgsleiter hätte es für Sandra und Tim immer höher gehen können. London war „ihre" Stadt. Bis der Tag des Schreckens kam. Am Morgen des 7. Juli 2005, als in der U-Bahn die Bomben der Terroristen hochgingen, saß Sandra nur drei Haltestellen entfernt. „Wir waren verunsichert bis ins Mark und analysierten unsere Lage", erzählt Tim Davies. „Lange hatten wir verdrängt, dass die Lebensqualität in London nicht mehr die war, die wir liebten." Zur Angst gesellte sich neben Stress, Teuerung und gesundheitlichen Problemen auch der Verlust vieler Freunde, die sich bereits ins Ausland verabschiedet hatten. „Time to change", sagten sich die beiden.

Hannover empfanden sie als den perfekten Ort. Eine Großstadt mit Galerien, Kinos, Restaurants. Tim kann überall arbeiten und Sandra? Sie bekam in der Gastronomie bald wieder einen guten Job. Und wenn die Sehnsucht zu stark wird, sind die beiden schnell in London und lassen sich im Lieblingsrestaurant „Mangoroom" die köstlichen karibischen Speisen auf der Zunge zergehen oder bummeln durch den aufregenden Stadtteil Camden Town. „Meine Kreativität hat durch den Umzug nie gelitten", betont der Künstler: „In London braucht man viel Energie für den Alltag, hier ist mein Kopf klar und ich kann besser denken."

Den Beweis tritt er immer wieder an. Für das kalifornische Nappa Valley entwirft er Weinetiketten, von der Bundesregierung war er eingeladen, am 20. November 2009 mit einem von ihm kreierten 2,5 Meter hohen Dominostein am „Mauerfall"-Event in Berlin teilzunehmen. Die Üstra in Hannover ist Auftraggeber für eine Reihe von Postern, und über 40 Designs hat er für die Firma Ritzenhof gestaltet. Seine sonnigen Charaktere sind auf einem Kreuzfahrtschiff Teil einer Kunstgalerie. Zusammen mit dem Amerikaner James Rizzi und dem Rostocker Künstler Feliks Büttner bearbeitet er auf einer Reise mit der Aidadiva die Leinwände. Einer beginnt und die nächsten sorgen für die Fortsetzung. „Das wird ein Spaß", freut sich Tim schon heute.

Mehr Infos unter www.timdavies.org


 
Zurück Quelle: Nobilis - Juli 7-8/2010
 

 
 
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