Für mich ist mein Beruf der Traumberuf schlechthin. Das Künstlerdasein bietet viel Freiheit, und man muss viel weniger Kompromisse machen als in den meisten anderen Berufen. Ursprünglich war mein Vorhaben: Dozent für Literaturwissenschaft zu werden. Auch das hätte ich als sehr schön empfunden. Das Künstlerdasein war für mich die verschärfte Traumstufe. Damit habe ich aber nicht rechnen können.
Eine Zeitlang hätte ich mir auch vorstellen können, ausschließlich Schriftsteller zu sein. Der Wunsch ist aber im Laufe der Jahre verblasst. Es würden mir die Bühne und der Umgang mit Menschen fehlen. Der dichterische Beruf ist doch eine sehr zurückgezogene Tätigkeit, und ich halte es da mit Gottfried Benn: Schreiben ist ein Handwerk, und ein Dichter muss – wie ein Arzt – kühle Hände haben. Mit Träumen und Schwelgen hat das nichts zu tun.
Der Beruf des Künstlers kann als Albtraum enden, wenn man ihm psychisch nicht gewachsen ist. Wenn man sich von Marionettenspielern im Hintergrund allzu sehr fernsteuern lässt und für den Erfolg seine Seele verkauft. Dafür gibt es viele Beispiele. Roy Black ist so ein Fall: Er begann als harter Rock‚n‘Roll-Sänger und wollte ein deutscher Elvis werden. Dann hat er sich einem übermächtigen Manager gebeugt, der ihm klar gemacht hat, dass er mit Schnulzen Millionen verdienen kann. Der Preis: Er war sein Leben lang unglücklich.
Und jetzt diese neue deutsche Barbarei der Superstars: Die produzieren einen unglücklichen jungen Menschen nach dem anderen. Sie werden aufgeblasen, ausgewrungen und nach einem Jahr weggeworfen. Das ist bestialisch und müsste eigentlich vor den Internationalen Gerichtshof! Ich bin zwar auch bei einem Wettbewerb entdeckt worden, aber das war ein sehr ehrenvoller, den die Deutsche Phono-Akademie sehr ernsthaft veranstaltet hat. Da ging es um Leute, die ihr eigenes Ding machen, also um Künstlerpersönlichkeiten und nicht um Handpuppen auf der Hand anderer.
Der Albtraum eines jeden Künstlers ist, dass sich bewahrheitet, wovor wir alle vor jedem Auftritt ein bisschen Angst haben: Dass die Leute einen nicht mehr mögen und mit Liebesentzug bestrafen, dass sie einen ausbuhen und von der Bühne scheuchen. Diese Grundfurcht muss jeder von uns vor jedem Auftritt bekämpfen und besiegen.
Beruflich träume ich von Zweierlei: Dass ich das, was ich tue, machen darf, solange mir noch Einfälle geschenkt sind, am liebsten bis ins hohe Alter. Und dass ich die Dinge abarbeiten kann, an die ich mich noch nicht herangetraut habe, obwohl ich wirklich schon viel experimentiert habe - mehr als jeder andere Deutschrocker. Es gibt von mir z.B. Stücke, die findet man ansonsten nur im radikalsten Independentbereich. Das traut sich keiner, der einen größeren Plattenvertrag hat. So etwas habe ich gemacht, aber das reicht mir immer noch nicht.
Da wartet noch Grundlagenforschung an den Rändern, extremistische Musik, die ich gerne mal ausleben würde. Das ist ein Traum von mir. 29 Jahre bin ich nun schon dabei, und das hat auch mit dem deutschen Publikum zu tun, das ich an dieser Stelle einmal sehr loben möchte: Die Deutschen sind ein Traumpublikum, weil sie tendenziell treu sind. Hier ist es leichter als z.B. in England eine langfristige Karriere zu machen - solange man am Ball bleibt und das Publikum nicht völlig enttäuscht und verschreckt.
In meiner Karriere gab es wie bei den meisten Kollegen Achterbahnfahrten, mal rauf, mal runter. Ein sehr markantes Ereignis war das größte Konzert unter meinem Namen im August ‘89 in Leipzig, als die DDR noch existierte, mit 60 000 Menschen. Das ist unvergesslich. Oder das erste ausverkaufte Konzert meines Lebens 1981 in der Markthalle in Hamburg. Das war zwar klein und bescheiden, aber es hat mir damals viel bedeutet. Oder auch die Auszeichnungen die ich bekommen habe: Der Staatspreis Niedersachsen und der Praetorius Musikpreis! Die sind mir mehr wert als die Goldenen Schallplatten, von denen ich vier habe. Denn das sind nur Verkaufsmarkierungen. Aber mein traumhaftester Erfolg sind meine beiden Kinder! Die sind beide sehr gut gelungen, und mit denen bin ich sehr zufrieden.
An nächtliche Träume erinnere ich mich nur selten. Aber auf meinem Nachtisch liegt immer ein Notizblock, und ich habe auch schon versucht, einzelne Bröckchen zu retten und sie in Texte einzubauen. Doch es waren immer nur Bestandteile, einzelne Bilder, halbe Sätze, keine Zusammenhänge. Man kriegt diese nächtliche Magie nicht hinübergerettet in den Tag. Da ist eine Mauer zwischen diesen beiden Welten. Das bedauere ich eher weniger, weil ich selten etwas Schönes träume. Allerdings gibt es zwei regelmäßige Traummotive: Dass mir Hunderte oder Tausende Zähne aus dem Mund fallen, während ich spreche und dass ich fliegen kann ohne Flügel. Schweben wie vom Wind angehoben, und wenn ich die Arme ausbreite, kann ich auch steuern. Das ist ein schöner Traum.
Träume anderer Menschen zu hören, finde ich nur insoweit spannend, als sie für mich Material darstellen könnten. Als Autor, der ich nun mal leidenschaftlich bin, bin ich ein Jäger, der immer auf der Pirsch ist. Ob das Träume sind oder etwas anderes – jeder, der mir irgendetwas erzählt, ist in Gefahr, dass ich ihn ausbeute.
Wenn ich mir erträumen könnte, welche Person ich gerne wäre – das ist schwierig. Ich wäre schon neugierig darauf, einige andere Leute zu sein. Aber ich weiß natürlich nicht, was ich mir damit einhandeln würde. Deren Probleme kenne ich ja nicht. Aus dichterischer Sicht und von der Lebens- und Erfahrungsfülle könnte es z.B. erstrebenswert sein, Goethe zu sein. Aber weiß man, wie der Mann unter sich gelitten hat? Es gibt ja genügend Zeugnisse, die belegen, dass er ein sehr hypochondrischer, grübelnder, schmerzempfindlicher Mann war, sowohl seelisch als auch körperlich. Also, ob das für mich ein so großer Vorteil wäre, Goethe zu sein - das sei mal dahingestellt! Dann bleibe ich doch lieber ich!