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Von Steinhude nach Wien und St. Moritz 


In europäischen Nobelhotels und auf Luxus-Kreuzfahrtschiffen ziert feinster Damast von Seegers & Sohn Tische und Betten. Im Juli feiert die Steinhuder Weberei 175-jähriges Bestehen. Text: Eva Holtz 


Die erlesene Wäsche im Bayerischen Hof in München, im Hamburger Vierjahreszeiten, auf Schloss Hugenpoet in Essen, im Sacher in Wien, im Badrutts Palace in St. Moritz, in anderen Nobelherbergen und auf Luxuslinern, kommt vom Steinhuder Meer, aus der Weberei „Friedrich Seegers & Sohn". Sie ist mit 175 Jahren die älteste Leinen- und Tischzeugweberei im gesamten deutschsprachigen Raum und die einzige, die es im einstmals traditionsreichen Weberort Steinhude heute noch gibt.

Und auch die Seegers’sche Geschichte ist von Höhen und Tiefen gekennzeichnet: Da waren die kleinen Anfänge der Handweberei, später der triumphale Einzug der mechanischen Webstühle. Da gab es die beiden großen Weltkriege und ihre Folgen, Wirtschaftswunder und Aufschwung, in den 1970er Jahren die große Krise der deutschen Textilindustrie und den Preiskampf gegen die Billigimporte, den sehr viele Webereien verloren haben. Gut 20 Mitarbeiter sind heute im Hause Seegers beschäftigt, die meisten von ihnen im Zuschnitt und in der Säumerei. Das Weben erledigen längst 35 vollautomatische Webstühle, gesteuert und überwacht von einem einzigen Webmeister und weiteren drei Mitarbeitern.

Ihr Überleben hat die Steinhuder Weberei vor allem einer Entscheidung zu verdanken, die in den 70er Jahren getroffen wurde: „Damals haben andere ihren Betrieb auf das Weben von Synthetikfasern umgestellt. Wir sind nicht auf diesen Zug gesprungen. Wir sind bei Leinen, Baumwolle und Halbleinen geblieben. Das war unser Glück", sagt der 27-jährige Adrian Seegers, der den Betrieb in neunter Generation leitet.

Jahrhundertelang hat man in Steinhude vom Fischfang und von der Weberei gelebt. An den Ufern des Binnensees „Steinhuder Meer" ist der Flachs angebaut worden, aus dem die Fischernetze geknüpft wurden. Aus ihm hat man auch Leinen gewonnen und im 18. und 19. Jahrhundert in vielen kleinen Handwebereien zu Stoffen verarbeitet.

„Nach dem Krieg gab es noch sieben große Webereien hier, und ‚Steinhuder Leinen’ ist zu einem Qualitätsbegriff geworden", berichtet Adrian Seegers, dem noch Vater Friedrich zur Seite steht und Schwester Lara, zuständig für Marketing und fürs Kreative, und Gregor, ein weiterer Bruder, der von Wien aus für den Vertrieb der Steinhuder Webwaren sorgt. „Wir liefern zwar auch vereinzelt in andere Länder, aber unsere wichtigsten Kunden sitzen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz", erklärt der Firmenchef.

Seit der Gründung im Jahre 1835 konnte Seegers & Sohn immer vom Vater auf den Sohn übertragen werden. „Ein weiterer Glücksfall", so der Senior, Friedrich Seegers. Der 60-Jährige erzählt, dass er von Klein auf das Weben erlernt hat. Einfach weil er, kaum dass er laufen konnte, in den Websälen herumstromerte und den Webern auf die Finger geschaut hat. Das hat er auch mit Sohn Adrian so gehalten, der das Geschäft ebenfalls von der Pike auf erlernte, sich inzwischen aber – gemeinsam mit dem Vater – um das Betriebswirtschaftliche kümmert.

Dabei war es weder für Vater Friedrich noch für seinen Sohn ausgemachte Sache, ins elterliche Unternehmen einzusteigen. Der Senior studierte in Würzburg Betriebswirtschaft mit dem Ziel, in die Unternehmensberatung zu gehen. Doch 1993 ereilte ihn der Ruf zurück nach Steinhude. Lange gezögert hat er indes nicht: „Tradition spielte in unserer Familie schon immer eine große Rolle, und ich habe mich dann entschieden, es so zu machen wie die Väter." Auch seine Tochter Lara, Diplom Sozialwissenschaftlerin, hatte eigentlich andere Pläne. Bei ihr siegte ebenfalls die Familientradition. Sie lacht, und es wirkt sehr zufrieden, als sie erzählt: „Seitdem ich 14 war habe ich unserer Mutter beim Fabrikverkauf geholfen, und das hat mir großen Spaß gemacht. Den hatte sie 1997 ganz neu aufgebaut, damals noch recht klein und mitten in der Weberei."

Als Mutter Christa erkrankte, und sich kein anderes Familienmitglied für die Leitung des florierenden Fabrikverkaufs fand, legte auch Lara ihre ursprünglichen Berufspläne ad acta und stieg zuhause ein. Mit Erfolg: Inzwischen wird in dem von Christa Seegers entworfenen 300 m² großen Ausstellungsraum an den Endverbraucher verkauft, und nebenbei ist noch ein lebhafter Versandhandel in Gang gekommen. Die 30-Jährige hat ihre Entscheidung nicht bereut: „Ich liebe Stoffe. Ich liebe das Fühlerlebnis, wenn ich einen Stoff berühre. Ich liebe Farben und Muster und kann da viel ausprobieren. Inzwischen bin ich fürs Kreative zuständig, und das ist toll!"

Sie besucht alle einschlägigen Messen, erfährt dort die aktuellen Trends und lässt sich gern inspirieren. „Für unsere Gastronomie- und Hotelkunden sind Farben und Dessins immer gleich, aber für unseren Fabrikverkauf und die Privatkunden sind Moden wichtig." Dänemark sei in diesem Jahr trendgebend, zwar Landhausstil, doch schnörkelloser und grafischer, sagt sie, und fürs kommende Weihnachtsfest weicht das Gold mehr dem Silber. „Es bleibt aber sehr festlich, und die Beerentöne beherrschen 2010 auch die Weihnachtsdekoration."

Dass Seegers & Sohn noch in Deutschland produziert und nicht wie viele andere Webereien in Osteuropa, der Türkei oder gar in Fernost, ist eine weitere Besonderheit. Es funktioniert, weil die Firma eine Nische besetzt hat: die der sehr hochwertigen Produkte mit Einwebungen und Bestickungen von Namen, Wappen oder Emblemen und mit allen nur denkbaren Sonderanfertigungen. „Im deutschsprachigen Raum können das, wenn es um restaurant- und hotelübliche Mengen geht, nur noch ganz wenige", erklärt der junge Firmenchef. Doch gerade diese Fertigkeiten sind im Premiumsegment gefragt. Deshalb gehen Seegers-Produkte vor allem an die gehobene Hotellerie und Gastronomie. Aber auch junge Leute wüssten erlesene Tisch- und Bettwäsche wieder sehr zu schätzen, freut sich Lara Seegers: „Der Trend geht wieder in Richtung gehobene Aussteuer, mit eingestickten individuellen Monogrammen auf Tischdecken und Servietten."

Lara Seegers schwärmt von Stoffen: „Durch Vorhänge, Kissenhüllen oder Tischdecken kann man einen Raum schnell sehr verändern. Mit unseren Stoffen können Sie sogar Stühle beziehen, so fest und haltbar sind sie. Leider viel zu lange", schmunzelt die junge Frau und Bruder und Vater, ihre Chefs, nicken – Familie unter sich. Ja, in so einem reinrassigen Familienunternehmen könne man sich hundertprozentig aufeinander verlassen, aber das Konfliktpotenzial sei andererseits auch nicht ohne, ist die übereinstimmende Meinung der anwesenden Seegers. „Wenn wir uns nicht einig sind, dann sind wir uns aber auch richtig uneinig", bringt es Lara Seegers, die einzige Frau in der Runde, auf den Punkt.


 
Zurück Quelle: Nobilis - Juli 7-8/2010
 

 
 
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