Angst im Dunkeln? "Nein, die hatte ich auch als Kind nie", sagt Sopranistin Alla Kravchuk und lacht. „Durch meine zahlreichen Opernauftritte bin ich es gewohnt, aus der Dunkelheit ins Licht zu treten, so dass bei diesem Teil der Inszenierung die Sensation für mich nicht so so groß ist, aber das Gesamtwerk wird großartig, und ich freu mich auf die tolle Kombination von Vivaldi live, die Magie des Schwarzlichtes und modernen Tanz!"
Die Inszenierung, von der Alla Kravchuk spricht, heißt „La Notte" und wagt im August den Schritt, mit Barockmusik in die Kinos zu gehen. „Wir leben alle in einer modernen, von Technik bestimmten Welt. Es ist der richtige Weg, dass die Alte Musik direkt zum jungen Publikum geht, statt darauf zu warten, dass es zur ihr kommt", erläutert die Sängerin ihre Begeisterung für das innovative Projekt.
Besonders freue sie sich auf das spannende Abenteuer, mit Philippe Talard zu arbeiten. „Er ist ein absoluter AusnahmeKünstler, extrem individuell. Alles, was ich von ihm kenne, ist großartig!"
1974 hatte Maurice Béjart den damals 18-jährigen Franzosen, der bei Rosella Hightower in Cannes und an der John Cranko-Schule in Stuttgart ausgebildet wurde, aus Marseille ans Ballet du XXe Siècle nach Brüssel geholt. Zwei Jahre später wechselte Talard ans Nationaltheater nach Portugal. Kurz darauf findet man ihn als Solisten in Rio de Janeiro, Sao Paulo und Antwerpen.
Schließlich landet er 1981 für sieben Jahre beim Tanzforum Köln, bevor er als Ballettdirektor und Chefchoreograf erst nach Ulm, dann nach Mannheim geht. Er ist bis heute der einzige Choreograf, dem es gelingt, im Rahmen eines Kunstprojektes mit einer Performance sogar bis in eine Autobahnraststätte vorzudringen – und findet auch dort noch ein begeistertes Publikum.
„La Notte wird das erste wirklich dreidimensionale Event", sagt der Choreograf selbst zum Kinoprojekt mit Barockmusik und modernem Tanz in Schwarzlicht, „Alle schwärmen vom 3-D-Effekt beispielsweise bei ,Avatar‘, aber das bleibt Leinwand. La Notte wird wirklich dreidimensional." Talard will mit seiner ungewöhnlichen Choreografie das Weibliche in den Fokus rücken. Er beschreibt die Welt einer Mondfrau, die er als ,Lichtwesen seiner Träume‘ begreift. Drei Tänzerinnen, drei Arien von Vivaldi, drei Visionen von Frauen in unterschiedlichen Augenblicken der Weltanschauung.
Dieses Stück, das von ultraviolettem Licht erhellt wird, möchte diese unterschiedlichen Phasen des Lebens ans Licht bringen, Körper und Seele in Schwarzlicht offenbarend, wie in 3D in einem Raum schwankend. „Bei allem Leben stecken immer Frauen dahinter, das hat mich fasziniert", erklärt Talard, „es dreht sich auch um den Urwunsch der weiblichen Wesen, den Kinderwunsch", ergänzt er und fügt zufrieden hinzu, „ich war dreimal verheiratet, ich kenn mich aus!"
Bei dem Thema wird auch Sopranistin Alla Kravchuk nachdenklich. „Ja, wir leben zwar heute in Zeiten, in denen Frauen wählen können – aber ich habe viele gesprochen, die sagen, erst ihr Kind habe ihnen einen Fokus aufs Leben gegeben und sie jeden Tag gelehrt, was Leben heißt!"
Auch sie selbst, die 2001 mit Opernintendant Puhlmann nach Hannover und an die dortige Oper kam, ist Mutter. „Als ich mit den Zwillingen schwanger war, hieß das, viele Abstriche machen. Aber, ich bereue nichts. Die beiden Mädchen werden im August zehn Jahre alt, und sie geben mir jeden Tag viel zurück!"
Aber zurück zur Inszenierung: Hinter all dem steckt natürlich die Begeisterung für die Musik Vivaldis (1678–1741). Antonio Vivaldi war bereits zu Lebzeiten eine schilllernde Persönlichkeit, dieser rothaarige Priester, der nur eine einzige Messe las (er vertrug keinen Weihrauch), mit einer Opernsängerin zusammenlebte und deshalb von Kirchenoberen verfolgt wurde. Seine Konzertkompositionen faszinierten schon damals das musikalische Europa.
Ihre formale Klarheit kombiniert mit extremen Klängen und außergewöhnlichen Atmosphären inspirierten Bach, Telemann und eine ganze Generation von Komponisten. ,La Notte‘ konzentriert sich auf einen kleinen Teil der umfangreichen Werke und wird im Kino live vom Ensemble Musica Alta Ripa gespielt. „Das Ensemble lebt die Alte Musik, ist im Barock zuhause. Ich könnte mir kein besseres Ensemble für ,La Notte‘ vorstellen", beschreibt Alla Kravchuk die preisgekrönte hannoversche Gruppe, von der sie in der gemeinsamen Arbeit lernen will.
So kommt denn auch die Idee dieser Inszenierung von Danya Segal, selbst Flötistin bei Musica Alta Ripa und Produzentin von ,La Notte‘. Als sie mit der Vision, Alte Musik mit modernem Tanz in Schwarzlicht zu inszenieren, zu
Cinemaxx-Chef Daniel Schornagel kam, war dieser sofort Feuer und Flamme, eine ungewöhnliche Kooperation war geboren. In Hannover, Braunschweig und Göttingen wird La Notte im August in Cinemaxx-Kinos aufgeführt. Und die Brücke zwischen Kino und Theater scheint plötzlich so naheliegend: Die ,Camera Obscura‘ und die ,Black Box‘ der Bühne verbindet die Dunkelheit.
Sämtliche Künstler tragen bei La Notte UV-empfindliche Stoffe, so dass sich dem Zuschauer neben der Musik auch ein visueller Zauber vermittelt: Geigenbögen, die sich magisch zu bewegen scheinen, Tänzer, deren Körper im Raum schweben. Das Publikum ist Teil der Inszenierung und mitten in der 3D-Welt. Und das ganz ohne Papp-Brillen!
Die Vorbreitungen laufen auf Hochtouren und für Bühnenbild und Ausstattung konnte der niederländische Szenograph, Videogestalter und Regisseur Johannes Conen, seit 2005 Dekan des Fachbereichs Gestaltung an der FH Trier, gewonnen werden. La Notte – ein Spiel zwischen Realität und Traum, zwischen Schlafen und Wachen. Alla Kravchuk jedenfalls sieht nur ein einziges Problem: „Ich kann es kaum abwarten, bis es losgeht!"
La Notte
Kammermusik und Opernarien von Antonio Vivaldi (1678-1741) mit Tanz in Schwarzlicht. Ein Spiel zwischen Realität und Traum – zwischen Schlafen und Wachen.
21. August Schloss Oelber, 19.30 Uhr
23. August Cinemaxx Hannover, 19.30 Uhr, anschließend Ausklingen für Interessierte mit „Stella de la Notte" auf der Dachterrasse des Mercure Hotels Hannover Mitte (19 Euro)
24. August Cinema 1 Braunschweig, 19.30 Uhr
25. August Cinemaxx Göttingen, 19.30 Uhr
Tickets (20 Euro) und Info unter www.vvk-kuenstlerhaus.de