Hier gibt es die besten Klaviere, und man kann auf den Bäumen klettern", steht im Gästebuch. Daneben: „Hier ist es soooo toll, und es gibt sehr leckeren Rhabarberkuchen." Hinzusetzen könnte man: „Hierher kommen Weltstars, um Konzerte zu geben" – und dann wären immer noch nicht alle Gründe genannt, weshalb der „Haasenhof" in Neustadt-Mandelsloh ein ganz spezieller Ort ist.
Mit großem Engagement hat das Ehepaar Stephanie Lucia und Ingmar Haas aus einem alten Bauernhof eine Stätte der Begegnung, der Kreativität und der Entspannung gemacht. Liebhaber des Schönen im Allgemeinen und Musiker im Besonderen finden hier Gelegenheit, ihren Neigungen nachzugehen: Im „Haasenhof" kann man proben und aufnehmen, übernachten und tafeln, sehen und hören. Zum Beispiel Stargeigerin Isabelle van Keulen, die im vergangen Jahr ein fantastisches Konzert gab. Oder die berühmten Schwestern Baiba und Lauma Skride, die am 19. Juli an Violine und Klavier brillieren wollen.
All das hatten sich die Betreiber zu Beginn ihrer jeweiligen Studien wohl nicht träumen lassen. Stephanie Lucia Haas, gemeinhin „Stephi" genannt, ist ausgebildete Pianistin und staatlich geprüfte Klavierpädagogin, der Ehemann Diplomtonmeister und Aufnahmeleiter – das klingt eher technisch, umfasst jedoch auch eine komplette musikalische Ausbildung mit einem Hauptinstrument, Gehörbildung und allen weiteren Feinheiten. Sie stammt aus Mülheim an der Ruhr, er aus Erlangen. Kennengelernt hat sich das Paar in Detmold, und 1992 folgte aus privaten wie beruflichen Gründen der Umzug nach Hannover.
Irgendwann nahm der Gedanke an eine Art Kreativzentrum Gestalt an: „Ein Ort, an dem wir unsere Interessen zusammenführen und verwirklichen konnten", wie die beiden Mittvierziger heute sagen. 2007 wurden sie in Mandelsloh fündig, und es ist faszinierend, bei einem Rundgang zu sehen, was aus dem alten Bauernhof inzwischen geworden ist. Ehemalige Stallungen haben sich in sehr charmante Gästezimmer verwandelt, die liebevoll ausgewählte Namen tragen, naheliegenderweise mit musikalischem Bezug: Es gibt eine „Bach-Suite" und einen „Divertimento"-Raum, bei „Duett" oder „Dreiklang" erübrigt sich auch gleich die Frage nach der Bettenzahl. Wer ohne sein Klavier nicht einschlafen kann, bucht eben ein Zimmer, in dem ein solches Instrument steht.
Die Preise liegen je nach Ausstattung zwischen 14 und 41 Euro pro Nacht, Vollverpflegung ist für zusätzliche 15 Euro möglich. Und die hat es in sich: Die Gästebücher quellen über vor Lob für das Essen, seien es die „Cowboy-Kartoffeln", die Marmeladenspezialitäten oder der besagte Rhabarberkuchen, der übrigens tatsächlich ganz ausgezeichnet schmeckt. Besucher können auch essen, ohne zu übernachten: Ab und zu wird das so genannte „Haasenfrühstück" angeboten, ein Büffet, an dem man sich einen ganzen Vormittag lang gütlich tun kann.
Jede Beschreibung des „Haasenhofs" wäre unvollständig, würde die „Klassik-Scheune" nicht gebührend Erwähnung finden. In diesem Schmuckstück finden Konzerte und Aufnahme-Sessions statt. Die alte Scheunenform ist gewahrt, unter der Decke hängt hier eine Geige, dort eine Heugabel, und der Ort strahlt eine ganz eigene Atmosphäre aus: „Eine hervorragende Akustik", schwärmt Ingmar Haas, während die Gattin spontan den gemeinsamen Abgang der Gastgeber beschließt, damit sich der Journalist in Ruhe selbst einmal an den Grotrian-Steinweg-Flügel setzen kann.
Wer hier öffentlich auftritt, hat Mut. Hautnah sitzt das Publikum am Geschehen, sieht den Musikern direkt auf die Finger und ins Gesicht – anders als in den großen Konzertsälen kann sich hier niemand verstecken. „Ein Musiker hat gesagt, es sei eine Bühne, auf der man endlich wieder einmal nervös sein kann", erzählt Ingmar Haas. Dass diese Herausforderung gern angenommen wird, beweist unter anderem ein Foto mit Widmung von Isabelle van Keulen, das recht unscheinbar in einem Flur hängt: „Unvergesslich" hat die große Geigerin darauf geschrieben. Kontakte wie dieser, zu solchen Stars, ergeben sich gern durch die Tätigkeit des Hausherrn: Die Skride-Schwestern hat Ingmar Haas etwa bei Aufnahmen im NDR betreut. Aber auch Studenten und Laien sind im „Haasenhof" gern gesehen, können auf tonmeisterliche Hilfe bei Demo-Einspielungen oder bei CD-Produktionen bauen.
„Wir haben außerdem viele Gruppen mit Kindern und Jugendlichen, die Musik machen", erzählt Stephi Haas. „Und wer will, kann bei uns auch einfach ausspannen." Dies scheint allerdings der Gastgeberin selbst nur bedingt gegeben: Sie ist ständig auf Achse, weist in einem Moment auf die Schönheit des Gartens hinter der „Klassik-Scheune" hin, um im nächsten zu beschreiben, was sie im Haupthaus noch alles umzubauen gedenkt. Der Ehemann wirkt etwas bedächtiger, und offenbar ergänzen sich diese beiden gut. „Es nervt vielleicht manchmal, wenn ich wieder damit komme, dass da ein Baum einen halben Meter weiter rechts stehen sollte", meint sie selbstkritisch. Er widerspricht dem nicht direkt, findet indes: „Wenn’s dann so gemacht ist, stellt sich immer heraus, dass Stephi Recht gehabt hat."
Einer breiten Öffentlichkeit ist der „Haasenhof" noch nicht bekannt. Große Werbemaßnahmen liegen nicht drin, weil es zum einen an Geld dafür mangelt und zum anderen die Mühen des Alltags die Kräfte oft anderweitig binden. „Manchmal ist es schon schwer", sagt die Hausherrin ganz sachlich. Und es wird dadurch nicht unbedingt leichter, dass es fünf kleine Haasen im Alter zwischen 3 und 12 Jahren gibt, drei männliche und zwei weibliche. Die Frage, ob man nicht zusätzliche Gelder durch die Gründung einer deutschen Kelly-Family einfahren wolle, wird allerdings abschlägig beschieden: „Wir versuchen natürlich, den Kindern Musik näher zu bringen, aber ohne jeden Zwang." Offenbar erfolgreich: Die ältesten haben sich gerade zum Geburtstag Besuche bei Wagner-Opern gewünscht.
Es muss sich wohl noch ein wenig herumsprechen, welch kreatives Potential ein Besuch im „Haasenhof" freilegen kann. Wie dies zweifelsfrei ein weiterer Eintrag im Gästebuch belegt: „Sagenhaft schön. Unbedingt nochmal. Praktisch unübertroffen. Einsame Spitze. Richtig toll", hat jemand hineingeschrieben. Und was ergeben die Anfangsbuchstaben dieser Lobeshymnen? Das Wort „SUPER".