Home     Redaktionelles Konzept     Events     Mediadaten     Abonnement     Kontakt / Impressum  

 
Aktuelle Ausgabe
Archiv / Suche
 
Jubiläumsausgabe
Beautyspecial
Wohnen special
Gartenheft special
Einkaufsbummel
 
Leserumfrage -
Ihre Meinung
 
Rezepte download
 
 

Jenseits der Klischees 


Wer glaubt, klassische Pianisten seien eher weltfremde Gesellen, kennt Marc Pierre Toth noch nicht. nobilis ist schon einen Schritt weiter. Text: Jörg Worat 


Nein, der Mann mit dem schulterlangen Haar, der da gerade erzählt, dass er Stefan Raab gerne zu einem Wettklettern auf dem Mount Everest herausfordern möchte, wirkt nicht unbedingt so, wie man sich einen vielfach preisgekrönten Pianisten vorstellt. Aber mit festgelegten Erwartungen sollte man bei Marc Pierre Toth, seines Zeichens Lehrbeauftragter für Klavier an der hannoverschen Hochschule für Musik und Theater, ohnehin vorsichtig sein.

Der Musiker hat etwa, um beim Naheliegendsten anzufangen, die „Midsommernachtskonzerte" ins Leben gerufen. Was das ist, können alle überprüfen, die am 17. oder 18. Juli, jeweils um 19.30 Uhr, den Kammermusiksaal in der Plathnerstraße 35 aufsuchen. Es sind die letzten Konzerte vor den Semesterferien, und dass diese inzwischen schon traditionell von Toth bestritten werden, hat einen Grund: „Kurz danach habe ich Geburtstag, und so muss ich mir keine Ausreden überlegen, weshalb ich keine Party vorbereiten kann …"

Der Programmablauf der beiden Abende ist noch nicht klar. Der eine wird wohl Chopin gewidmet sein: „Auf jeden Fall die vier Balladen, aber es kommt noch etwas hinzu. Und das andere Programm? Vielleicht Beethoven und Schumann, vielleicht etwas ganz anderes." Der Pianist hält sich gern Optionen offen. Dies stellt er nicht zuletzt immer wieder bei der Reihe „What is SO Great about Classical Music?" unter Beweis, wenn er die Konzerte kenntnisreich und unterhaltsam moderiert.

Sollen die Besucher doch neben dem Genuss auch lernen: „Wer die Umstände versteht, unter denen eine Komposition entstanden ist, bekommt einen neuen Zugang." Seine Moderation kann Toth mühelos international anbieten. Er spricht fließend Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch und Spanisch. „Und ein wenig Polnisch, Russisch und Ungarisch", fährt der Pianist fort. „Demnächst muss ich unbedingt mit Chinesisch anfangen …"

Der Grund für solch vielfältiges Interesse mag nicht zuletzt in der eigenen Herkunft liegen: Der in Kanada geborene Sohn eines Ungarn und einer Italienerin hat ein multikulturelles Erbe quasi in die Wiege gelegt bekommen. Allerdings übten die Eltern – der Vater war hauptberuflich, die Mutter zwischenzeitlich im Immobiliengeschäft tätig – keine künstlerischen Berufe aus, und auch den kleinen Marc Pierre zogen zunächst andere Tätigkeiten an. „Früher wollte ich Astronaut werden". Später sollte es die Gehirnchirurgie sein: „Ich habe mir immer das Schwierigste ausgesucht.

Auf der Schule hatte ich gute Noten, war Perfektionist. Und Wissenschaft interessiert mich heute noch." Tatsächlich begann Toth Mitte der 90er Jahre ein Studium mit dem Ziel, Chemie-Ingenieur zu werden – bis schließlich doch die Liebe zum bis dato eher hobbymäßig gepflegten Klavierspiel durchbrach.Der Weg führte nach Hannover, wo er die Solistenklasse von Einar Steen-Nokleberg abschloss und bei Professor Gerritt Zitterbart Hammerflügel und Historische Aufführungspraxis studierte.

Analytisches Denken hat sich Toth bewahrt, ein reiner Lust-Spieler ist er nicht: „Mich stört, wenn Musiker nur ihr eigenes Ding machen und keine Rücksicht auf die Eigenarten des Komponisten und seine Zeit nehmen." Und wie steht’s mit den äußerst eigenwilligen Interpretationen des berühmten Glenn Gould? „Das ist wirklich ein spezieller Fall. Seine ,Goldberg-Variationen’ waren meine Lieblings-Schallplatte in der Teenagerzeit, und ich habe sie immer wieder gehört, natürlich ohne zu ahnen, dass ich diese Musik einmal selbst spielen würde. Glenn hatte diese Energie, das ist schon etwas ganz Besonderes. Vielleicht liegt’s ja daran, dass er auch Kanadier war …"

Bei aller Liebe zur Klassik hört Toth auch andere Musik: „Oscar Peterson und Art Tatum sind toll, ich mag die Beatles. Manches empfinde ich eher als Lärm, aber das ist auf keine Gattung beschränkt. Es gibt sehr guten Heavy Metal und furchtbare Avantgarde." Lenas „Satellite" hat der Pianist noch nicht gehört („Muss ich demnächst nachholen"), ihren Mentor Stefan Raab schätzt er über die Maßen: „Inzwischen habe ich keinen Fernseher mehr, früher war er mein Lieblings-Comedian. Manche seiner Witze hat keiner im Saal verstanden, und ich konnte mich totlachen."

Mit Raab wären wir auch, siehe oben, wieder auf dem Mount Everest gelandet, und wenn man Toth ein wenig kennengelernt hat, keimt der Verdacht auf, dass in dem kuriosen Wettangebot ein ernster Kern steckt. Viel Angst um die zarten Finger scheint der sportliche Musiker jedenfalls nicht zu haben. Während er zu Jahresbeginn als Gastprofessor in Kanada weilte, nutzte Toth die Zeit, um Snowboard zu lernen, und etliche Fallschirmsprünge hat er auch schon absolviert: „Als nächstes würde ich gern Basejumping machen" – dabei stürzt man sich mit dem Fallschirm von Brücken, Gebäuden oder Felsen.

Doch zu solch wagemutigen Aktivitäten gesellen sich meditative. So kennt sich der Pianist in Yoga und Qi Gong aus, studiert zudem beim chinesischen Shaolin-Großmeister Wong Kiew Kit die Kunst des Kung Fu: „Das hat zwar auch mit Kampf zu tun, aber wichtiger ist die Heilkraft, die darin steckt." Toth gibt an der Musikhochschule unentgeltlich Yoga-Kurse: „Besonders schön finde ich, dass viele Studenten privat weitermachen."

Wenn schon das Stichwort „privat" gefallen ist: Wie muss denn eine Dame beschaffen sein, die das Herz des umtriebigen Musikers gewinnen will? „Außerirdische Konstellationen sind das Beste", antwortet Toth prompt. Und der zweite Teil des Anforderungsprofils ist in diesem speziellen Fall wohl nicht minder schwer zu erfüllen: „Sie muss fit genug sein, mein Tempo mitzuhalten."


 
Zurück Quelle: Nobilis - Juli 7-8/2010
 

 
 
Weitere Online-Dienste der
Schlüterschen Verlagsgesellschaft:

nc-verlag.de   logistikwelt.de   material-management.de   automation-qualitaet.de   eurolaser.de   special-tooling.de   blechonline.de   nc-fertigung.de   konstruktion-entwicklung.de   Handwerk.com   Vetline.de   Pflegen-Online.de   Fachbuch.Vetline.de   Messezeitung.de   Rechtsvorschriften-Niedersachsen.de   Themenguide.de